Diese Steine verströmen die Energie von zweieinhalbtausend Jahren.
“Wie viel Sonne haben sie gespeichert” schwärmt Lorena, meine Begleiterin. Andächtig legt sie ihre Hand auf die rissige Felswand an der Phönizischen Treppe. Es waren aber eher griechische Einwanderer, die im 5. Jahrhundert v. Chr. die Serpentinen in den Berg meißelten.
Immerhin blieb die ,,Scala Fenicia bis 1874 die einzige Verbindung vom Haupthafen Marina Grande nach Anacapri. Die angelandeten Waren mussten hinaufgebuckelt werden. Abwärts gehen sich die 500 Stufen bequemer, sagen sich Einige und kommen genau wie wir aus der Villa San Michele. Die war bekanntlich das elitäre Domizil des schwedischen Arztes Axel Munthe. 1929 löste er mit seinem “Buch von San Michele” einen CapriBoom aus. Die Phönizische Treppe endet nahe der Kirche San Costanzo, die dem Schutzheiligen von Capri geweiht ist. Bald sind wir mitten im Hafengewühl. Ständig laufen Schiffe mit Tagesbesuchern ein und aus. Die Ankömmlinge eilen zur Funiculare (Seilbahn).
Die Fischer in ihren bunten Booten beeindruckt das Gewusel wenig.
Früher oder später treffen sich alle auf der Piazzetta” (eigentlich Piazza Umberto I) im Dorf Capri. Schon früh am Morgen füllen sich die Tische zu Füllen des alten Glockenturms.
Dort ist auch die TouristenInformation, wo man für 3 Euro einen AudioFührer ausleihen kann. Junge Leute sitzen auf der Treppe, die zur ehemaligen Kathedrale Santo Stefano (bis 1818 Bischofskirche) führt. Capri konzentriert wo, wenn nicht hier. Das mehr ländliche Capri spüren wir auf dem Gang zur Villa Jovis, dem einstigen Palast von Kaiser Tiberius im Nordosten der Insel. Gewundene Sträßchen führen vorbei an manch edler Bleibe und manch prachtvollem Garten. Bald aber begleiten uns nur noch Weingärten, blühende Wiesen, Olivenbäume, Kakteen und sturmzerzauste Pinien. Oben, bei den Palastfragmenten; zeigen sich schroffe Felsen und das in zauberhaften Türkistönen schimmernde Meer. Der russische Dichter Iwan Sergejewitsch Turgenjew pries capri als “die Inkarnation der Schönheit”. Ähnliches muss schon der römische Kaiser Augustus empfunden haben. Er tauschte 29v. Chr. diese Insel gegen das wesentlich größere Ischia ein. Sein Nachfolger Tiberius regierte sogar das römische Weltreich elf Jahre (2637 n.Chr.) von Capri aus. Angeblich ließ er sich 12 Domizile auf der Insel errichten. Als Hauptsitz gilt aber die mehrstöckige Villa Jovis, ausgestattet mit großen Zisternen und geräumigen Thermen, mit Sälen, Terrassen, Zimmern und Wandelgängen.
Als Schlafgemach diente dem misstrauischen Tiberius ein abgelegener Raum ohne Fenster.
Vom wertvollen Inventar blieb jedoch nichts an Ort und Stelle.,, Alles wurde geklaut” sagt Lorena. Weiter geht es zum Arco Naturale, einem bizarren Felsbogen am Meer, um dann zur wild zerklüfteten Steilküste hinunterzugehen. Ein schmaler Pfad führt treppauf, treppab, vorbei an der MatromaniaGrotte, einem römischen Nymphäon. Bald sind wir bei den berühmten Faraglioni, drei Felsnadeln, die bis zu 109 Meter aus den Fluten ragen. An der Ersten gibt es sogar eine Badeanstalt. Der Pfad mündet auf die via Tragara, die spätere Via Camerelle. Hier und rund um die Piazzetta wetteifern Hermas, Dolce & Gabbana, Gucci, Yves Saint Laurent, Fendi, Louis Vuitton, Prada, Moschino und Brioni um die Reichen und Schönen. Das originellste Drum und Dran offeriert” moda”, ein voll gestopftes Lädchen.
Doch kein CapriUrlaub ohne die Blaue Grotte! Entsprechend groß ist oft der Andrang. Vor der niedrigen Öffnung müssen sich die Bootspassagiere langlegen, um ihre Köpfe zu retten. Drinnen leuchtet das Wasser tatsächlich in einem unsagbaren Blau. “Abends, wenn die Besucher fort sind, schwimme ich dort hinein”, verrät Lorena. Wieder draußen, springen wir an Land und steigen hinauf nach Anacapri. In der Casa Russa empfängt uns eine 2000 Jahre alte marmorne Livia (Mutter von Tiberius) aus der Villa Jovis. Vielleicht besäße die barfüßige Lady gerne ein Paar handgemachte Sandalen von Antonio Viva, mit denen der Meister seine Kundinnen glücklich macht (via G. Orlandi Nr. 75). Neben dem Schumacherladen fertigt Francesca Lucca Attraktives aus Keramik.
Diese Kunst hat hier Tradition. Das zeigt der herrliche MajolikaFußboden in der Kirche San Michele. Der Neapolitaner Leonardo Chiaiese schuf dort 1761 ein phantasievolles “irdisches Paradies”. Adam und Eva werden allerdings gerade daraus vertrieben. Die bunten Vögel schauen uninteressiert drein, doch der Hund mit dem drolligen Ringelschwanz, der junge Löwe und das Katzentier mit den langbewimperten Augen gucken irritiert.
Rund 50 Minuten dauert der Weg vom Gotteshaus zur Südwestspitze Punta Carena. Kurz vor dem Aussichtspunkt reizt das Restaurant “da Gelsomina” (Via Migliara 72). Wir bestellen “Pennette Aumm” , d. h. Nudeln mit Auberginen, Tomaten, Basilikum, Mozzarella, Knoblauch und 01, danach Kaninchen und leckere Feigen aus dem eigenen Garten.,, “Aumm” ist ein Geräusch des Wohlbehagens. Wie wahr!
Zurück in Anacapri fahren wir mit der Seilbahn auf den 589 Meter hohen Solaro. Oben bietet sich eine Supersicht auf den Ort Capri, die Faraglioni, die Villa Jovis und das italienische Festland. Von diesem Anblick animiert, wandern wir auf dem alten Passetiello Pfad über die Berge hinüber zum Dorf Capri. Der Einstieg, ein Stück hinter der Kapelle Santa Maria a Cetrella, ist mit roten Punkten markiert. Die dürfen wir unterwegs nicht aus den Augen verlieren. Es wird ein anstrengendes Auf und Ab über Felsstufen mit sensationellen Fernblicken und durch die hohe, duftende Macchia. Im Mai bedeckt blühender Ginster den einsamen Landstrich mit einem intensiv gelben Teppich.
Solche Schönheit lockte im 19. Jahrhundert interessante Persönlichkeiten (wie Gorki und Lenin) und deutsche Romantiker (Rilke) an. Von der “Malerplatte” (jetzt: Punto del Cannone), einem Aussichtspunkt oberhalb vom Dorf Capri, brachten Künstler dieses Idyll mit Stilt und Pinsel zu Papier.
Entzückt wandern auch unsere Augen vom Hafen Marina Piccola über die elegant geschwungene (eigentlich gesperrte) Via Krupp, die Friedrich Alfred Krupp im Jahre 1902 seiner Lieblingsinsel zum Geschenk machte. Daneben die AugustusGärten, das Kartäuserkloster San Giacomo, das feine Hotel Luna und wieder die Faraglioni! Gerade werden sie von der sinkenden Sonne vergoldet.


Ursula Wiegand